Flamenco

Ende des 15. Jahrhunderts brachten fahrende Völker, die von Indien und Pakistan über arabische Länder und den Balkan nach Spanien kamen, eine Vielfalt an Tanzformen mit. Diese verschmolzen mit der Musik Andalusiens zu einer feurigen Verbindung; dem Flamenco.

Martina la Canela

Der Gesang - Cante genannt - ist das älteste Element des Flamenco und bestand schon lange vor Tanz und Gitarrenspiel. Seine Spannweite reicht von tiefer Verzweiflung bis zu explosiver Lebensfreude. Gitarrenspiel und Tanz sind im Grunde eine Umsetzung des Cante. Um zu erreichen, dass Gesang, Gitarre und Tanz eine Einheit bilden und harmonieren, gibt es im Flamenco gewisse Regeln, die eingehalten werden müssen. So interpretieren die TänzerInnen den Gesang meist nur durch Bewegungen und selten rhythmische Betonungen; da jeder Cante individuell geprägt ist, setzt dies viel Intuition, Erfahrung und gute Kenntnisse voraus. Umso wichtiger sind die getanzten Abschnitte zwischen dem Gesang. Dabei werden die für den Flamenco typisch schnellen Schritte -Zapateados genannt- mit Gitarrenspiel und Klatschen der Hände begleitet und unterstützt. Im Flamenco zählt vor allem die Aussagekraft der Bewegungen und nicht ihre Schönheit. Bewegungen können auch hässlich sein, solange sie ausdrucksvoll und authentisch sind.

Flamenco bedeutet auf spanisch eigentlich nur "flämisch” und wurde erst spät, nämlich im 19. Jahrhundert für die Musik der Gitanos gebraucht. Einen arabischen Ursprung des Wortes Flamenco lässt sich auch deshalb nicht nachweisen, weil die Mauren im 19. Jahrhundert, als die Flamencomusik langsam aufkam, die iberische Halbinsel längst verlassen hatten und die arabische Sprache nicht mehr gesprochen wurde.

Einflüsse auf die Musik

Arabische Einfärbungen auf den Flamenco, wurden offenbar über Frühformen der andalusischen Folklore eingebracht. Unumstritten aber, ist die Beeinflusung der arabischen Musik in neuerer Zeit durch den Flamenco.
Das Augenmerk muss aber unweigerlich auf die Musik der Gitanos (span. Zigeuner) gerichtet werden, die die entscheidende Rolle bei der Prägung der Flamencomusik spielten; sie zeigte einen persischen und indischen Einschlag und ist fast identisch mit Frühformen klassischer, arabischer Musik.
Ein span. Musikkritiker hat sich schon 1920 eingehend mit den Wurzeln des Flamenco-Gesangs beschäftigt und bestand darauf, dass der Einfluss der Gitanos auf den Flamenco beträchtlich, ja sogar überragend war. Dies gestand man sich zu dieser Zeit in Spanien wenig ein, da die Gitanos ein Aussenseiterdasein pflegten.
Aus der rauen Umgebung der alteingesessenen Andalusier hervorgebrochen, verschmolzen mit verschiedenen Elementen der Folklore, erschufen die Gitanos den Flamenco-Gesang durch ihre schöpferischen Kräfte aus größtenteils andalusischem Material.

Gitanos (spanische Zigeuner)

Die ersten Flamencointerpreten ergaben sich dem rastlosen Nomadenleben und brachten ihren Gesang vom Lagerfeuer weg, hinein in das Dunkel der abendlichen Stille der Dörfer und Städte an ihrem Weg. Gitanos sind eine Untergruppe der Roma-Ethnie mit indischer Herkunft. Ihre Sprache, das Calo’, ein Dialekt der Gitanos, hat Wurzeln im Sanskrit (Neuindisch), genau wie das Hindi. Wo einst die Roma-Zigeuner auftraten, arbeiteten sie stets als Berufsmusiker und verwandten gerne die Musikinstrumente, die in der jeweiligen Region am Beliebtesten waren. Zum Beispiel spielten sie Panflöte in Rumänien, Harfe in Frankreich, Rahmentrommel und Gitarre in Spanien.
Doch selten nur passten sie die Musik den lokalen Bräuchen an, sondern vermischten sie gerne auch mit ihrer eigenen Folklore. Sie zeigten die erstaunliche Fähigkeit, sich jeder neuen Musikrichtung anzupassen und die fremden Musikstile durch ihre eigene Spielweise umzuformen, bis hin zu gänzlich neuen Stilen aus der Verschmelzung von altem, orientalischen Erbe und lokalem Musikstil. In Ungarn sind dies zB. Der “verbunkos” und der “csardas”, in Spanien eben der “flamenco”.
Während aber in Ungarn hauptsächlich Instrumentalmusik gespielt wurde, dominierte in Spanien Tanz und Gesang. Die Begleitung beschränkte sich in der Frühphase (15. Jahrhundert) auf Tamburine, Rahmentrommel und Kastagnetten.

Als man etwa um 1610 begann, alle Mauren aus Spanien zu vertreiben, wollte man auch die Zigeuner loswerden. Das gelang aber nicht.
Daher wollte man sie durch erzwungene Integration “ausrotten”.
Die Gitanos wurden in überwachte Zusammenkünfte zusammengepfercht und durften ihre Berufe, die Schmiedekunst und den Pferdehandel, nicht mehr ausüben. Auch durften sie nicht mehr zusammenleben und ihren Aufenthaltsort wechseln.
Die Dinge besserten sich erst allmählich im 19 Jahrhundert, als einige Gitanos, die in flämischen Kriegsdiensten gestanden hatten, vom König Schutzbriefe erhielten. Vielleicht betitelte man damals die Gitanos mit dem Beinamen “flämisch” denn die Gitanos aus den Flamenkriegen hiessen einfach “Flamencos”.

Die Verfolgung und Unterdrückung der Gitanos verwandelte jedoch ihre einst fröhliche, unbeschwerte Musik, in eine von Schmerz, Tragik und Trauer beladene Siguiriya.

Me sacan de la carcel
me llevan por la muralla
y hombres, ninos y mujeres
de sentimiento lloraban.

Man holt mich aus dem Kerker
führt mich entlang der Mauer
und alle weinen vor Schmerz
Kinder, Männer, Frauen.

Auch die Schweiz kennt ein unrühmliches Beispiel der Zigeunerverfolgung in den 1970 er Jahren. Familien wurden auseinander gerissen, Kinder von Eltern getrennt und einige Zigeuner sogar in Anstalten für geistig Behinderte gesteckt.

Im Milieu der ausgegrenzten und unterdrückten Gitanos, verwandelte sich einheimische Folklore zu Flamenco-Gesang. Fremdartige, uralte Familientraditionen bildeten den Nährboden für den orientalisch angehauchten Gesangsstil.
Langsam kam der Flamenco in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts an die Oeffentlichkeit, in denen Grossfamilien mit vielen begabten Tänzerinnen, Musikern und Sängern die entscheidende Rolle spielten. Doch es brauchte noch einen weiteren Schritt um den Flamenco publikumsfähig zu machen; nämlich die Eröffnung der “Cafés cantantes” mit professionellen Auftritten, die überall in Spanien aus dem Boden schossen.

Carmen Amaya

Der Flamenco war ab 1880 nicht mehr am privaten Lagerfeuer oder im familiären Kreis zu bewundern. Die Aufführungen wurden zu lukrativen Veranstaltungen und langsam verloren die Gitanos die Alleinrechte über den Flamenco.
Nach dem ersten Weltkrieg, war alles Spanische “En Vogue”- die Künstler, Schriftsteller und die High Society kamen in Scharen angereist, um ihr wildes Verlangen nach Vergnügen zu stillen. Spanien war der letzte Schrei. Es war die Sternstunde der wohl begabtesten und berühmtesten Flamenco-Interpretin der damaligen Zeit: Carmen Amaya